Buch: JIMI HENDRIX: Starting at Zero

Jimi Hendrix: Starting at Zero Erscheinungstermin: 16. 9. 2013

Jimi Hendrix: Meine Biografie gehört mir...

Jimi Hendrix starb vor 43 Jahren. Jetzt erscheinen die Notizen des größten elektrischen Gitarristen aller Zeiten Seit Jimi Hendrix tot ist, seit dem 18. September 1970, werden unablässig Bücher über ihn geschrieben. 43 Jahre lang fühlte die Sekundärliteratur sich vor ihm sicher. Hendrix konnte sich nicht wehren wie Bob Dylan, der in seinen eigenen "Chronicles" zuletzt den gröbsten Unfug seiner Biografen, Analytiker und Exegeten revidieren durfte. Niemand wurde dankbarer und gründlicher zerdeutet als der tote Meistergitarrist aus Seattle. Er war ein schwarzer Indianer in der weißen Rockmusik. Seine Gitarre handhabte er wahlweise als Phallus oder Kriegsgerät, und dazu trug er Uniformen aus der Kolonialzeit und sang über ferne Universen. Seinen kurzen Erdenweg pflasterten Frauen, Drogen weiteten und hoben seinen Horizont. Mit 27 Jahren starb er in einem Hotelbett unter damals naheliegenden Umständen, die allerdings auch abenteuerliche Fragen offenließen. Bisher schrieb es sich fantastisch über Jimi Hendrix. Den "intergalaktischen Electric Wizard", wie Klaus Theweleit, sein bislang letzter deutscher Biograf, ihn nannte und zum Heiligen erklärte. Nun meldet sich der Erlöser selbst zu Wort in seinem Buch "Starting at Zero". Einer Sammlung von Notizen, Tagebucheinträgen, Schriften und Entwürfen, von belegten und verbürgten Äußerungen. Hendrix hat in den vier Jahren seines weltbewegenden Schaffens nicht nur jeden Ton seiner Gitarren für die Nachwelt festgehalten. Auch jeden Gedanken hat er offenbar notiert. Auf Zetteln, Zigarettenschachteln und Servietten. In den ausklingenden Sechzigern mag er zwar seiner Zeit voraus gewesen sein, aber er war kein unverstandener Künstler, der erst sterben musste, um berühmt zu werden. Er hat alles aufgehoben und den Erben hinterlassen. Immer noch veröffentlicht er Jahr für Jahr ein neues Album aus den alten Aufnahmen. Nach seinem Tod hatte der Impresario Alan Douglas fünfundzwanzig Jahre lang dafür gesorgt, dass Hendrix künstlerisch unsterblich bleibt. Seit 1995 sind die Rechte wieder bei seiner Familie, seither ist auch die Rede von den Tagebüchern. Alan Douglas ist inzwischen 82 Jahre alt. Er hat sich in den Sechzigern bereits um die Vermächtnisse von Frühvollendeten und Frühverstorbenen gekümmert, um den Bläser Eric Dolphy und den Komödianten Lenny Bruce. Die Tonbänder von Jimi Hendrix hat der Produzent postum von irgendwelchen lebenden Musikern begleiten lassen. Douglas war der einfühlsame Erbpfleger sowie der unverantwortliche Leichenfledderer. Sein Film "Room Full of Mirrors" sollte Hendrix zeigen, wie er wirklich war, in dessen eigenen Worten und nach einem gleichnamigen Buch. Dagegen klagte die Familie 1995 und gewann. 2012 verklagte Alan Douglas die Familie wegen eines Films unter dem Titel "Voodoo Child", der Hendrix zeigen sollte, wie er war, in eigenen Worten. Das Gericht gab diesmal Douglas recht: Er darf sowohl den Film drehen als auch das Buch veröffentlichen. Nun erscheint zuerst das Buch, "Starting at Zero". Diesmal soll niemand am sachgerechten Umgang mit dem Nachlass zweifeln: Peter Neal, der von Alan Douglas eingesetzte Leiter des Projekts, hat 1967 schon "Experience" gedreht, den ersten Jimi-Hendrix-Film, und er hat bereits 1990 Handschriften von Hendrix zeitlich und thematisch vorsortiert. Beteiligt ist auch Michael Fairchild. Von ihm stammt das Buch "A Touch of Hendrix" (1988). Er hat an "Cherokee Mist: The Lost Writings" (1993) mitgewirkt über eine Auktion von Aufzeichnungen (1990), laut Fairchild war es "der bedeutendste archäologische Fund seit den Schriftrollen vom Toten Meer". In nimmermüdem Eifer geht der Autor und Experte auch im Internet gegen Zitate vor, die Hendrix zugeschrieben werden, ohne handfeste Beweise, etwa der berühmt gewordene Aphorismus: "Wissen redet, Weisheit aber lauscht." Und nun spricht Jimi Hendrix selbst, in einer literarischen Montage zuverlässiger Quellen ohne lästige Fußnoten und Anhänge. "Manchmal kam ich mir beinahe wie ein Ghostwriter vor und fragte mich, wer hier eigentlich der Geist war", schreibt Peter Neal zur Einführung. Dann schreibt der Geist: "Ich wurde in Seattle, Washington, USA, am 27. November 1942 im Alter von null Jahren geboren." Er will sich daran erinnern, wie die Säuglingsschwester ihn ans Fenster hob und daran, dass er auf sie scharf war. So fangen gewöhnliche Autobiografien an, in denen ältere Menschen ihre Memoiren niederschreiben, wie ihr Großhirn sie ihnen diktiert. Oder vergilbte Tagebücher, die von einem jungen Menschen handeln, den es nicht mehr gibt. Die Texte in "Starting at Zero" sind, nachdem die Kindheit aus dem Bildgedächtnis ausgestanden ist, verlässliche Erinnerungen an die Echtzeit. Was Tod und Verklärung angerichtet haben, wird von Jimi Hendrix selbst im Nachhinein berichtigt. Mit den Frauen geht es los. Wie Elvis Presley und John Lennon wurde Jimi Hendrix zu den großen Muttersöhnchen der Musikgeschichte. Alles Mögliche wurde daraus geschlossen. In den eigenen Memoiren zieht die Mutter fröhlich um die Häuser, während sich der Vater nach der Heimkehr aus dem Krieg um eine angemessene Erziehung kümmert. 1958 stirbt Lucille, die Mutter. Bei den Biografen steht, der Junge habe in der Zeile "Lucille, please come back" von Little Richard Trost gefunden und im Rock 'n' Roll an sich. Bei Jimi Hendrix steht davon kein Wort. Die Mutter stirbt einfach, und der Sohn träumt schlecht und spielt Blues auf der Gitarre. Viel Raum nimmt auch bei ihm selbst der Militärdienst ein. Er meldet sich zur 101. Luftlandedivision, den Helden der Normandie - aber er will kein Held sein, sondern nur nicht später einberufen werden, wenn es ihm nicht in den Kram passt. Wenn er schon ein weltberühmter Gitarrist sein sollte. Hendrix wird auch nicht beim Militär zum Pazifisten, ihm bereitet das Soldatsein sogar Freude: "Das Fallschirmspringen war das Beste in der Army. So was Aufregendes hatte ich vorher noch nie gemacht. Es ist wirklich lustig. Der erste Sprung war echt abgefahren! Einige haben in einen großen Eimer gekotzt. Es war toll! Das Flugzeug machte Rrroooaaarrrr!!! Dann war man an der Tür und plötzlich, zack! Rums! Man denkt an überhaupt nichts mehr. Man ist ganz allein da oben, und du kannst reden und schreien oder machen, was du willst." Was er nicht mag, ist der musikferne Kasernenalltag. Als er sich den Knöchel bricht, lässt Hendrix sich entlassen. Er muss keine Homosexualität vortäuschen oder ausleben, wie immer wieder gern geheimnisvoll geschrieben worden ist. Als Hendrix starb, brachen die Siebzigerjahre an, das Zeitalter, in der die Popkultur den Pop ablöste und einen gewaltigen Überbau bekam aus Paradigmen, Psychoanalyse, Politik. Hat er die Rassen transzendiert, als schwarzer Mann mit seiner weißen E-Gitarre? Hat er. Allerdings fand er die Rassenfrage und die Unruhen grotesk: "Jeden Sonntagnachmittag gingen wir in die Innenstadt, wo es Proteste und Randale gab. Vorher rief man seine weißen Freunde an und sagte: 'Wir werden euch heute Abend ordentlich fertigmachen, das dürft ihr nicht verpassen.' Außerdem mussten wir einen Picknickkorb mitnehmen, weil Schwarze in den Restaurants nicht bedient wurden. Eine Gruppe stand auf der einen, die andere auf der anderen Seite. Sie beschimpften sich gegenseitig, lästerten über die Mütter der anderen und gingen ab und zu mit Messern aufeinander los. Und nach ein paar Stunden zogen wir gemeinsam weiter in einen Klub und dröhnten uns zu. Wenn am Sonntag ein guter Film im Kino lief, fielen die Unruhen aus. Im Großen und Ganzen interessierte mich dieses Thema nicht besonders." Jimi Hendrix wurde von den Schriftgelehrten in eine Figur verwandelt, die mit ihrem Werk identisch ist. In seinen eigenen Schriften tritt er wieder klein aus seiner großen Kunst heraus. Als hätte er verfügt, die Mythen und Legenden zu zerstören wie seine Gitarren auf der Bühne früher, wenn ihn keiner mehr versteht. In Kopenhagen hatte er einmal versehentlich seine Gitarre fallen lassen. "Die Menge tobte, als hätte ich den 'verlorenen Akkord' gefunden oder so. Deshalb machte ich das von da an öfter, wenn die Presse in der Nähe war oder ich einfach Lust dazu hatte." Auch als er bei seiner Heimkehr nach Amerika sein Instrument in Brand setzte, war er sich zwar des Opferrituals bewusst, vor allem aber seiner Pflicht als Unterhaltungskünstler. Wenn er mit der Zunge oder mit den Zähnen spielte, ebenfalls. Beim Festival in Woodstock intonierte er die Nationalhymne Amerikas, wie heute jeder weiß, als Kriegsanklage, gegen Napalmbomben und Granaten auf Vietnam. "Ich bin Amerikaner, also habe ich sie gespielt - irgendwie ganz automatisch, wie ich sie früher in der Schule singen musste. Ich fand's schön, aber na ja, jetzt haben wir den Salat." Er war die Deutungshoheit los, über sich selbst und seine Kunst. Es ist gespenstisch: Hier fühlt sich der vielleicht virtuoseste und visionärste Musiker des 20. Jahrhunderts aus dem Jenseits unverstandener denn je. Klaus Theweleit erklärte Hendrix vor fünf Jahren so: "Geräte sind nicht nur Verstärker seiner Gitarre, sondern Amplifier seines Wunsches nach einer anderen Galaxie; Verstärker seiner Ausbruchssehnsucht, Raumschiffe zu einer anderen Körperbasis, von der aus die Electric Skies zu erreichen sind." Das also ist aus seiner göttlichen Musik geworden. Schöne Songs wie "Third Stone from the Sun" sind heute Hymnen an den Weltgeist. Jimi Hendrix schrieb: "Der dritte Stein von der Sonne aus gesehen ist die Erde. Erst der Merkur, dann die Venus, danach die Erde. Die Typen kommen von einem anderen Planeten und beobachten eine Zeitlang die Erde. Schließlich gelangen sie zu dem Schluss, dass die intelligentesten Lebewesen auf der Erde die Hühner sind. Sonst gibt's nichts Interessantes für sie - nichts, was der Mühe wert wäre. Und weil sie die Menschen sowieso nicht leiden können, sprengen sie am Ende alles in die Luft." Erst gegen Ende seines Erdendaseins, auch das kann man heute lesen und darüber trauern, wurde aus dem lebensfrohen Gitarristen, Frauenfreund und Drogenliebhaber der Jimi Hendrix, wie man ihn aus der Literatur zu kennen glaubt. Er hörte Strauss und Wagner und dachte mehr über seine eigene Musik nach, als dass er sie spielte. Er plante Theaterstücke und Romane, Soundtürme und Lichtopern. Er dichtete an einem Spiegelgleichnis und behauptete, im Schlaf könne er fünfzehn Sinfonien auf einmal komponieren. Hendrix wurde prätentiös, spirituell und irre: "Wäre es nicht unglaublich, wenn man Musik machen könnte, die so perfekt ist, dass sie dich wie Strahlen durchdingt und dich heilt? Auf Hawaii habe ich etwas Großartiges gesehen, ein Wunder. Der Mond hatte viele Ringe, und jeder dieser Ringe sah aus wie ein Frauengesicht. Inzwischen sehe ich jeden Tag neue Wunder - früher ist mir das nur ein- oder zweimal die Woche passiert. Manche sind sie so krass, dass ich sie niemandem erzählen kann, sonst lande ich noch in der Gummizelle." Und er malte sich seine Beerdigung aus, bei der Miles Davis Trübsal blasen sollte, stellvertretend für die ganze Welt. "Schon komisch", schloss er, "dass die Toten so verehrt werden. Wenn ich sterbe, hört euch weiter meine Platten an." Vom Bücherschreiben schrieb er nichts.

 

Eckhard B.     
www.hendrix-fans.de

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