TOEHIDER - I Have Little To No Memories To These Memories

VÖ: 09.09.2022
(Bird´s Robe Records)
Genre: Prog/Avantgarde
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TOEHIDER
Im Prinzip ist diese Band das Brainchild von Mike Mills, einem australischen Multiinstrumentalisten, dessen Geschmack ebenso breit gefächert ist wie seine musikalischen Fähigkeiten. Erstmals macht er 2010 von sich reden als er allmonatlich eine EP veröffentlichte, Ausdruck seiner ungebremsten Kreativität. Dieses Mal dauert es etwas länger, drei Jahre arbeitete er an „I Have Little To No Memory To These Memories“. Der Ansatz war ein einziges Stück mit 47 Minuten und 47 Sekunden Laufzeit als Antwort auf die 47-Sekunden-Snippets von TikTok und Konsorten. Daran haben sich schon andere versucht, bei TOEHIDER weiß man, dass da was Irres heraus kommt.
Dass die Scheibe eine Geschichte von Booten und Vögeln im Weltraum erzählt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Der Text steht mit zahlreichen erklärenden Worten zusammenhängend im Booklet und löst die Verwirrung des Hörers nur minimal, da manches in riesigen Blöcken ohne Refrain geschrieben ist. Los geht die Reise mit a capella-Satzgesängen im Stil von QUEEN, sicher eine gute Referenz wenn es um Eklektizismus geht. Derartige Vokalarrangements findet man, nur begleitet von Klampfen oder noch präsenterem Instrumentarium.
Kaum da angekommen reißt einen ein Djent-Riff komplett aus dem Schema und fordert erst einmal mit einer schönen Abfahrt. Progressive Klänge geben sich in der Folge die Klinke in die Hand, nicht immer so brachial, gerne zurück zu den symphonischen Urvätern der Szene wie GENESIS oder ELP. Irgendwo dazwischen ist auch viel Platz für die Verehrung des guten Mike für AYREON, welche stilistisch dazwischen stehen. All diese Parts gehen lose ineinander über, werden manchmal durchexerziert, an anderen Stellen wechseln sie wild durcheinander.
Nach etwa 17 Minuten taucht plötzlich ein doomiges Riff auf und beschwört BLACK SABBATH in der DIO-Phase herauf, eine der stringentesten Parts, episch und pathetisch. Über ein Leadfill, das aus der Feder von Brian May stammen könnte landen wir urplötzlich bei VAN HALEN, Gitarre und Schlagzeug gebieten den Brüdern Respekt. Der Chorus driftet eher in Hair Metal-Gefilde ab, die süßlichen Melodien ihrerseits werden von neoproggigen Keyboardkaskaden durchfurcht. Nachdem man schon bei etwa 29 Minuten glaubt es fade jetzt aus, wendet sich das Blatt erneut.
Plötzlich groovt Mills ohne Ende, bringt modernen Metal an den Start, der KORN ebenso wenig verleugnet wie einen eingängigen Refrain. Stellen da jetzt EVANESCENCE das Binderglied zum Symphonic Metal dar oder geschieht das nur in der Phantasie des Hörers? Jedenfalls finden verschiedene Elemente des Albums zusammen, melodische Djent-Bands wie VOLA oder seine Landsleute von VOYAGER grüßen. Zwischendurch wird es ruhig, dreht dann auf psychotisch und kommt als SLIPKONT zurück.
Fehlt da noch etwas? Ach ja, ein floydiges Solo muss ja schon sein, das fiel Mills bei Minute 41 ein. Über ein paar weitere Abfahrten geht es zum getragenen Ende wo sich diverse Elemente im Umkreis von STYX kulminieren, das auf der LP wieder ganz anders aussieht. Den Ritt muss man dann erstmal verkraften und hört sich „I Have Little To No Memory To These Memories“ gleich nochmal an, um sich zu vergewissern, ob das alles wahr ist. Ist es und erstaunlich obendrein! Erstaunlich wie es gelingt jeden einzelnen Stil wirklich zu beherrschen, ihn sowohl kompositorisch als auch spielerisch sehr kompetent rüber zu bringen. Wer immer einen Beweis brauchte, dass Genie und Wahnsinn eng verwandt sind, findet ihn hier. Aus den Ideen könnte man ganze Alben stricken und es käme immer was Vernünftiges dabei heraus, TOEHIDER hatten andere Pläne.
8 / 10

