BIRTH - Born

VÖ: 15.07.2022
(Bad Omen/Soulfood)
Genre: Prog/Kraut/Psychedelic
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BIRTH
Die Band ASTRA veröffentlichte vor etwa zehn Jahren zwei beachtenswerte Alben, aus ihr ging nun eine neue Formation hervor, welche auch noch nicht sattelfest ist. Phil Marrone trommelte das Debüt „Born“ zwar noch ein, wurde aber mittlerweile durch Thomas DiBenedetto ersetzt. So unruhig ging es in San Francisco einst vor mehr als 50 Jahren zu, als sich im Ashbury/Haight-District die Gegenbewegung formierte. Und genau dort knüpfen BIRTH thematisch nahtlos an, lassen eine Zeit aufleben, die zuletzt oft zitiert aber nie erreicht wurde.
Im Prinzip wirft die Combo alles in den Topf, was damals an Strömungen aufkam – was nicht wenig war - und rührt es kurz um. Schon das eröffnende titelstiftende Instrumental der Gebutsdoppelerwähnung ist ein Parforceritt durch eine bewegte Zeit. Proggige Orgeln jubilieren mit Leadgitarren um die Wette, bevor ein Bassmotiv erst einmal den Druck heraus nimmt und auch analogen Synthesizern Platz bietet. Alles kommt in den Fluss, spielt mit der Dynamik, lässt sie an – und abschwellen. Passend dazu gestaltet auch Brian Ellis seine Soli, die von aufbrausend bis sanft alles abdecken und immer den Blues in sich tragen.
Zu Beginn von „Descending Us“ vereinigt er sich feierlich mit der Orgel, bevor akustische und psychedelische Weisen den ungeheuer verträumten Gesang unterstützen. Im Refrain weiten sich die sechs Saiten elektrisch aus, brausen auf, nehmen die Hammond mit und generieren ein Bild, welches an „Child In Time“ denken lässt. Sicherlich sind die Briten ebenso ein Bezugspunkt, auch wenn die Orgel in theatralisch-düsteren Momenten wieder mehr an die amerikanische Westküste erinnert. Das Drama findet auch in „Another Time“ seinen Platz, das ebenso aus akustischen Weisen heraus fordert.
Gegen Ende steigert sich alles in eine wilde Jam hinein, die wieder progressive, bisweilen jazzige Züge annimmt. Noch irrer ist der Abschluss mit „Long Way“ Down“, erneut mit einem dominanten Basslauf eingeleitet. Nach sehr ruhigem, entrücktem Beginn rücken die Riffs hier am stärksten in den Fokus, die durch Mellotronwolken wandern. Diese wechseln sich aber immer wieder mit akustischen Passagen ab, wobei die Orgel als verbindendes Glied dient. Man könnte das fast mit dem Prog von OPETH vergleichen, findet aber bei genauem Hinhören viel von deren Spiel mit krautigem Irrwitz und Stimmungen.
Ihre ganz großen Momente haben BIRTH jedoch, wenn sie die Atmosphäre schweben lassen. Wenn der warme Bass in „For Yesterday“ das Mellotron umschmeichelt hüllt das den Hörer regelrecht ein. Die Leadpassagen ebenso verträumt wie der Gesang erinnert das an PINK FLOYD in ihrer Findungsphase, gerade wegen der ruhigen Orgel, wie man sie auf „More“ findet. Die Harmonieseligkeit ist großartig, verschmilzt alles, auch die akustischen Motive.
Ebensolche floydigen Momente besitzt „Cosmic Tears“, die Symbiose aus psychedelischen Tasten und Bass lassen Erinnerungen an „Set Controls For The Heart Of The Sun“ wach werden. Soli, Riffs und erneut die Hammond steigern sich immer weiter, verwickeln und verpuppen die Nummer in spacige Abgedrehtheit. Aus der schält sich dann cleanes Gefrickel, wie es einst Steve Howe salonfähig machte.
Die Referenzen sind erkennbar, aber so vielfältig, dass man kaum abkupfern vorwerfen kann. Ein Kaleidoskop feinstem Stoff aus der Aufbruchszeit entfaltet sich mit einer unfassbaren Authentizität. Wie stilsicher die Töne gesetzt werden, wie man dieses Feeling konserviert gelingt nur ganz wenigen Retroacts. Die Klangfarben klingen nicht nach jener Ära, sie tönen als wären sie damals aufgenommen worden, ohne angestaubt zu wirken. Von der Produktion sehr direkt mit dem nötigen Raum für Feinheiten mit trockenem Schlagzeug und nicht mal einem Anflug von Kompression.
So muss es klingen, wenn man die späten Sechziger und frühen Siebziger wieder aufleben lassen will, doch was ist dieses Wunderwerk? Stilistisch lässt sich es kaum einordnen, da fällt die temporale Benennung etwas leichter. Haben wir es mit dem verschollenen Bindeglied zwischen dem selbstbetitelten DEEP PURPLE-Longplayer und „In Rock“ zu tun? Oder versuchen sie gar darauf noch länger über die Motive von „Echoes“ zu jammen? Oder ist es am Ende nur der Versuch OPETH wirklich authentisch nach den Siebzigern klingen zu lassen? Oder ist es einfach nur BIRTH, eine aufregende neue Band?
8,5 / 10

