THE HIRSCH EFFEKT - Urian

VÖ: 29.09.2023
(Long Branch Records/SPV)
Genre: Mathcore/Alternative
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THE HIRSCH EFFEKT
Auf die deutschen Weirdos hatte die Pandemie keine guten Auswirkungen, auch wenn sie versuchten weiterhin aktiv zu bleiben. Wie man neue Wege in solchen Zeiten beschreitet zeigten die EPS „Solitaer“ und „Gregaer“, mit denen THE HIRSCH EFFEKT das Output-Level hochhielten. Aber durch die Liveabstinenz tendierte viel Publikum zu streaminglastigerer Musik, zum Nebenbei hören taugt das Trio eher wenig. Nun steht der sechste Longplayer „Urian“ ins Haus, mit dem die Hoffnung auf verlorenen Boden gutzumachen einher geht.
Der Titel ist wie auch alle Songtitel ungewöhnlich, die lateinischen Namen geben natürlich keinen Aufschluss auf direkten Inhalt oder gar Refrains. Da gibt es tatsächlich einige nachvollziehbare auf der Scheibe. Anteilsmäßig sind die akustischen Gitarren und klaren Gesänge immer präsenter, „Agora“ zum Auftakt und „Eristys“ am Ende kommen sogar ohne Drums aus.
Dementsprechend sanft schweben die beiden Nummern daher, was die philosophischen Texte noch eindringlicher macht. Gerade der Schlussakkord weiß eine wunderbare Stimmung zu erzeugen, welche durch Streicher noch verstärkt wird, ohne je auch nur in die Nähe des Kitsch zu rücken.
Der Opener bildet indes den perfekten Rahmen für „Otus“, das die Mathcore-Wurzeln am deutlichsten heraus kehrt. Ilja John Lappin legt seinen knarzenden Bass fein über die postmodernen Flächen, während sich die Nummer in neun Minuten immer weiter steigert. Was den Hörer direkt zu „2054“ führt, wo sich der extreme Groove manifestiert. Dabei wird diese Metalspielart mit vielen anderen wie Thrash oder Black Metal wild gepaart, ohne dabei auf die ruhigen Passagen zu verzichten.
Völlig in Raserei verfallen THE HIRSCH EFFEKT beim Titeltrack und später noch bei „Blud“. Über ein an DEEP PURPLE erinnerndes Riff geht der Ritt los, die Chöre im Refrain tragen wieder die Schwärze in sich. Das Gaspedal bleibt unvermindert hoch außer für die bereits erwähnte postartigen Sphärik, welche den erneuten Angalopp noch vehementer wirken lässt. Da muss “Stegodon“ erst einmal Tempo heraus nehmen, das an deutsche Alternativebands wie TOCOTRONIC oder frühe WIR SIND HELDEN denken lassen.
Die Mischung ist sehr ungewöhnlich, da prallt viel aufeinander, was unvereinbar scheint. Ein großer kompositorischer Verdienst, das alles dennoch Sinn ergibt, die Formel wurde hier perfektioniert. Würde man DORNENREICH in den Core-Bereich übersetzen, man wäre nicht weit weg. Hier geht eine Formation ihren Weg, vermeidet gekonnt die Klippen, die auftauchen können. Wut und Verzweiflung, Depression und Trauer über viele Zustände auf den Punkt vertont, ein sehr interessantes Werk.
8 / 10

