THE DAMN TRUTH - The Damn Truth

VÖ: 18.09.2026
(Frontiers Music)
Genre: Classic/Blues Rock/AOR
Homepage:
THE DAMN TRUTH
2004 nahm Lee-la Baum an der Castingshow „Canadian Idol“ teil und versuchte sich danach erfolglos an einer Solokarriere. Ihre wahre Bestimmung fand die Dame, als sie Tom Shemer kennen lernte, mit dem sie liiert ist und ein Kind hat. Zusammen gründeten sie die Rockband THE DAMN TRUTH, da seitdem vier Alben veröffentlicht hat. Mit dem letztjährigen selbstbetitelten Werk wollten sie ihren Sound definieren, und gewannen damit den Juno Award für das beste Rockalbum. Nach dem Erfolg legen Frontiers Music „The Damn Truth“ mit Bonusmaterial noch einmal auf.
Dabei beginnt die Scheibe völlig unauffällig, akustische Motive tauchen aus dem Nichts auf, bevor das Tempo anzieht und sich tollem Melodic Rock öffnet. Diese weiten Chöre unter dem wunderbar flüssigen Refrain sind bei Produkten aus dem Haus keine Seltenheit, aber es sind die Untertöne, die den Unterschied machen. Auf der einen Seite erkennt man das tiefe, verspielte Siebzigerverständnis, dann wieder diesen unwiderstehlichen Pop-Appeal. Damit lässt sich das Quartett ungefähr in den späten Siebziger verorten, ohne jetzt wie eine der Protagonisten der spannenden Zeit zu klingen.
Bestes Beispiel vielleicht „Killer Whale“ mit seinem unglaublich groovigen Riff, das richtig in die Beine fährt. Hier macht sich die tolle Produktion von Koryphäe Bob Rock bemerkbar, der die Band nach vorne bringt. Im Chorus kann dann wieder die Sängerin ihre komplette Stärke ausspielen, die so unbeschwert mit den Melodiebogen spielt. Genau das wird durch die Höhe der Stimme noch verstärkt, die ihr etwas mädchenhaft Unschuldiges verleiht. Auf der anderen Seite ist da genug Rauheit drin, welche die ganze Lebenserfahrung und auch Verletztheit reflektiert.
Kraft genug ist auch vorhanden, um den Blues Rock von „All Night Long“ vor sich her zu treiben. Alles lebt auch von der präzisen Gitarrenarbeit aus der Hand von Shemer, die rocken und grooven kann. „Addicted“ wagt sich gar in Proto-Rap-Gefilde der Bostoner Luftschmiede vor, die Basslinien von Pierre-Yves Letellier überzeugen hier am meisten. Offene Stimmungen beherrscht der Sechssaiter ebenso gut, „Better This Way“ wechselt von der Ost – an die Westküste. Ein perfektes Beispiel, wie es THE DAMN TRUTH gelingt aufgefeiltes Songwriting in unfassbar eingängige Strukturen zu gießen, dabei frisch und explosiv klingen.
Da ist kein Schlenker zu viel, alles auf den Punkt gespielt, hier zahlt sich einfach auch die Arbeit an den Reglern aus, von jemand, der die ganz großen betreute. So ist das Kit von David Traina sehr direkt abgenommen, die Wärme im Klangbild verhindert, dass es zu sehr schiebt. Shemer lässt die Stücke gerade gegen Ende nochmal mit gefühlvollen Leadfills anziehen, setzt jene aber wie Soli genau dosiert ein.
Der größte Trumpf ist allerdings die Frontfrau, die sich so wunderbar in ihre Emotionen rein zu steigern vermag. Mal süßlich säuselnd, bricht sie im nächsten Moment los, legt dabei eine unfassbare Leidenschaft in jeden brillant vorgetragenen Ton. Diese hingebungsvolle Sehnsucht im Timbre weiß vielleicht nur noch BRUCE SPRINGSTEEN besser zu transportieren.
Zwei Songs drückt sie damit den Stempel auf, in der Halbballade hält sie sich in der sanften Strophe noch dezent zurück, als schiene sie zu lauern. Dann lässt sie die Dynamik auf den Schwingen der unendlich wirkenden schwelgerischen Chöre abheben, während man sie vor dem inneren Auge flehend auf die Knie fallen sieht. In „The Willow“ tänzelt sie erst verträumt durch einen Märchenwald voll ätherischer Akustikklänge, bis dann dieses tonnenschwere Bluesriff einsetzt. Als würde das Mutterschiff des folkigen Hard Rock den schwarzen Hund über die Schlachtfelder des Pelenor jagen.
Als Zugabe gibt es noch eine Liveversion des Openers „Be Somebody“, die reduzierter und eindringlicher daherkommt. Dafür druckvoller ist die 2026er Version von „The Willow“ gemastert, ohne dessen Magie zu verlieren. „The Damn Truth“ gibt den besten Soundtrack ab, den man sich vorstellen kann, um mit offenem Verdeck durch die sich goldfärbende Landschaft im ebensolchen Herbst zu düsen.
Womit haben wir es bei der Mischung zu tun, wo vieles vertraut vorkommt, jedoch nicht in der Ausschmückung? Die kommerzielle Variante von GRETA VAN FLEET, die amerikanische Antwort auf die BLUES PILLS, eine erwachsene Version vom NIGHT FLIGHT ORCHESTRA, oder doch die Fortführung der Mission von JEFFERSON STARSHIP? Hat wer gesagt, dass HEART ebenfalls aus Kanada stammen? Psst….
9 / 10

