62. NORDISCHE FILMTAGE - Lübeck


Festival vom 04. - 08.11.20

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NORDISCHE FILMTAGE

geschrieben von Monika Gnittke

Ein Festival lebt nicht nur von guten Filmen. Es lebt von vollen Kinos, vom Austausch, vom „Leute gucken“, vom „Sehen und gesehen werden“, von dem einen oder anderen Blick auf eine bekannte Regisseurin oder einen bekannten Schauspieler.

Die Nordischen Filmtage 2020 waren als Hybridveranstaltung geplant. Aber alles Hoffen nutzte nichts und wenige Tage vor der Eröffnung kam er, der erneute Shutdown für Gastronomie und Veranstaltungsbranche, für Kinos, Theater, Museen. Keine Fahnen in der Mühlenstraße und Länderflaggen über dem Eingang zur Stadthalle, kein Zusammentreffen mit anderen Festivalbegeisterten, keine Schlangen zum Vorverkauf und vor den Filmvorführungen, keine BesucherInnen aus dem Norden, keine Preisverleihung mit Publikum, kein Festivalgefühl.

Es bewährte sich die umsichtige und vorausschauende Planung des Festivalteams, als nun innerhalb von wenigen Tagen aus dem hybrid geplanten ein reines Onlinefestival werden musste.
Und so saß ich am ersten Festivalvormittag im heimischen Wohnzimmer, getröstet von dem Gedanken, dass zeitgleich andere kinobegeisterte Menschen vor ihren Bildschirmen saßen, in Turku und Tallin, Stockholm und Stavanger, Reykjavik und Riga.

Mit an die 160 Filme aus Skandinavien, dem Baltikum und Norddeutschland legten die Nordischen Filmtage 2020 ein umfangreiches Programm vor. Es ging um das Heute und das Gestern, um Liebe und Freundschaft, Angst und Verzweiflung und das tröstliche Gefühl, das man manchmal hat, wenn die Sonne nach einem Regentag durch die Wolken bricht.
„Der längste Tag“ von Jonas Selberg Augustén ist so ein Film. Ein Mittsommertag im nordschwedischen Grenzgebiet zu Finnland, dessen fröhliches, hoffnungsvolles Ende auf einer Wiese am See den Zuschauer mit dem Kaleidoskop aus Tragischem, Traurigem, Gewöhnlichem versöhnt.

Der Eröffnungsfilm „Unser Mann in Amerika“ von Christina Rosendahl ist die wahre Geschichte des dänischen Botschafters in den USA Henrik Kaufmann zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Als Dänemark im Frühjahr 1940 von den Nationalsozialisten besetzt wird, widersetzt er sich aus der Ferne und bringt Präsident Roosevelt zum militärischen Eingreifen der USA.

Ebenfalls politischen Hintergrund hat der gleichfalls aus Dänemark stammende Film „Pulverfass“. Am 14. und 15. Februar 2015, wenige Wochen nach den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris, kommt es im Kopenhagener Kulturzentrum „Krudttønden“ (dt. Pulverfass), anlässlich einer Gedenkveranstaltung für die Opfer in Frankreich zu einem Attentat, bei dem ein Dokumentarfilmer und ein jüdischer Wachmann getötet werden. Der als Dokudrama angelegte Film zeichnet die letzten Tage der Opfer sowie des Attentäters nach.

Viele Filme drehen sich in diesem Jahr um Familie und Paare. Da ist die Mutter im schwedischen Film „Charter“, die ihre Kinder aus Verzweiflung entführt, weil sie sich ihr langsam entfremden.

Da sind Hampus und Adrian aus Göteborg, die eine On-Off-Beziehung führen, nicht mit- aber auch nicht wirklich ohne einander können. „We are lost forever“ hat ein großes Vorbild. Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ sorgte hier für die Inspiration.

Die bekannte norwegische Schauspielerin Andrea Bræin Hovig ist in gleich zwei Filmen zu sehen. In „Hoffnung“ spielt sie eine Frau, die kurz vor Heiligabend erfährt, dass sie Krebs hat. In „Vorsicht, Kinder!“ spielt sie die Mutter einer Dreizehnjährigen, die sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, den Tod eines Mitschülers verursacht zu haben.
Ragnar Bragason, der vor einigen Jahren mit dem Familiendrama „Metalhead“ für Furore sorgte, präsentiert mit „Goldregen“ ein Mutter-Sohn-Drama, das nicht zuletzt von der Schauspielleistung der wunderbaren Halldóra Geirharðsdóttir lebt, die 2018 im preisgekrönten Film „Gegen den Strom“ brillierte.

Auch der Kinder- und Jugendfilmsektor hat Hochkarätiges zu bieten. „Flucht über die Grenze“ aus Norwegen ist hier zu nennen. Zwei jüdische Geschwister im besetzten Norwegen fliehen vor den Nazis durch verschneite Wälder nach Schweden. Ein Film, der mit Elementen des grimmschen Märchens „Hänsel und Gretel“ spielt und wenn man sich fragt, wie man Kindern von der Shoa erzählen kann, so ist dieser Film ein guter Anfang.

Die Preisverleihung am Samstagabend fand wie gewohnt im Theater Lübeck statt, wenn auch ohne Zuschauer vor Ort. Das Publikum war in 2000 Streams dabei. Während viele Filmfestivals ihre Preisverleihungen verschoben hatten, weniger Preise vergaben oder die Festivals gleich ganz abgesagt hatten, kam das für die Lübecker Festivalmacher nicht infrage. 57.500 Euro Preisgeld wurden ausgeschüttet.

Und es ging eine Ära zu Ende. Sicher hätte sich die langjährige künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Linde Fröhlich ihren Abschied in den Ruhestand anders gewünscht. Aber so verabschiedete sie sich in einem Jahr, in dem sie und ihr Team bewiesen haben, dass sie auch „Krise können“, denn sie haben das Beste, was möglich war, aus der Situation gemacht und schließlich noch für eine Überraschung für die Filmfans gesorgt und die Filmfestival um drei Tage verlängert.

Nach also einer Woche Filmtage fiel das Fazit sehr positiv aus. Dennoch, die Nordischen Filmtage 2021 möchten wir bitte wieder in vollen Kinos verbringen, in Warteschlangen, in vollen Bars und Restaurants beim Austausch, möchten Filmtagefahnen in der Stadt und Länderflaggen über der Stadthalle sehen und die Nordischen Filmtage hier in der Stadt mit unseren Gästen feiern.




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